Die Ausbildung von Umweltschutzfachkräften an Hochschulen weicht häufig von den realen Aufgaben eines Industrieunternehmens ab. Die Absolventen lernen Felduntersuchungen sowie die Entnahme von Wasser- und Bodenproben, während diese Verfahren im Betrieb üblicherweise an externe Dienstleister vergeben sind. Anstelle von Laborarbeit wird von angehenden Umweltexperten verlangt, Leistungsbeschreibungen nach betrieblichen Beschaffungsstandards zu erstellen, interne Audits in Dutzenden von Abteilungen durchzuführen, regulatorische Änderungen zu verfolgen und Linienführungskräfte von der Relevanz indirekter Umweltrisiken zu überzeugen.
Um diese Lücke zu schließen und ein ausgeprägtes Sicherheitsbewusstsein bereits vor dem Eintritt der Fachkraft in das Unternehmen aufzubauen, etablieren Betriebe ein durchgängiges Bildungs- und Qualifizierungssystem: vom Kindergarten über die Schule und Hochschule bis hin zum Arbeitsplatz. In diesem Beitrag analysieren Experten der Atomindustrie — Eduard Volkov (ONITs Prognoz), Olga Romanova (Novovoronezh NPP) und Evgeny Parygin (SNIIP, Rosatom) —, wie das Zusammenspiel aus Corporate Volunteering, Hochschulpartnerschaften und aktiven Lehrmethoden dazu beiträgt, Umweltkompetenzen und Sicherheitskultur zu entwickeln.
Praxisorientierte Ausbildung und unternehmerische Sozialverantwortung
Der Aufbau einer Personalreserve in der Kernenergie erfordert eine langfristige Planung unter Berücksichtigung des großflächigen Baus neuer Kraftwerksblöcke. Am Beispiel von Novovoronezh NPP zeigt Olga Romanova, wie ein sicherheitsrelevantes Industrieunternehmen die Grundsätze der nachhaltigen Entwicklung in das externe Umfeld integriert und mit Bildungseinrichtungen, Aufsichtsbehörden sowie gesellschaftlichen Initiativen zusammenarbeitet.
- Zusammenarbeit mit Studierenden und Schließen von Praxislücken. Da akademischen Studiengängen der anwendungsorientierte Bezug zu Umweltmanagementsystemen und behördlichen Genehmigungsverfahren fehlt, führen praktizierende Fachkräfte der Anlage praxisnahe Trainings für Studierende durch. Künftige Umweltexperten erlernen anhand realer Fallbeispiele die Methodik zur Identifizierung von Umweltaspekten, Risikobewertung und Planung von Abhilfemaßnahmen.
- Ingenieur- und Umweltwettbewerbe für Schüler. Zweistufige regionale Wettbewerbe unter Beteiligung von Fachbehörden und Universitäten regen Jugendliche dazu an, tief in Branchenthemen einzutauchen — von der vergleichenden Analyse verschiedener Reaktortypen bis hin zu Fragen des Recyclings von Komponenten von Windkraftanlagen. Die besten Forschungsarbeiten werden in Tagungsbänden veröffentlicht und an Schulbibliotheken weitergegeben, um Best Practices zu verbreiten.
- Transparente Verifizierung von Umweltdaten. Die Veröffentlichung jährlicher Berichte zur Umweltsicherheit mit detaillierten Daten zu Emissionen, Einleitungen und Abfallmanagement wird durch Vor-Ort-Formate ergänzt. Exkursionen und Bootsfahrten auf dem Don unter Beteiligung von Journalisten, Experten und Vertretern der Zivilgesellschaft belegen anschaulich das Ausbleiben negativer Auswirkungen der Anlage auf das Gewässer; die Berichtsdaten dienen Studierenden zudem als Grundlage für Seminar- und Abschlussarbeiten.
- Einbindung von Familien, Kindern und Branchenveteranen. Das unternehmerische Engagement umfasst verschiedene Altersgruppen durch praxisorientierte Projekte: die Anzucht von Setzlingen, den Fischbesatz im Kühlteich des Kraftwerksblocks zur biologischen Reinigung von Dreissena-Muscheln bei gleichzeitiger Untersuchung der Fischfauna sowie umweltpädagogische Puppentheater-Aufführungen in Kindergärten durch Ruheständler der Anlage. Zudem wird ein branchenübergreifender Erfahrungsaustausch etabliert — etwa durch die stadtweite Sammlung von Altreifen für deren anschließende Wiederverwertung als Bodenbelag für Kinderspielplätze.
Aktive Lehrmethoden bei der Weiterentwicklung der Umweltsicherheitskultur
Die Umweltsicherheit stützt sich auf vier Säulen: technologische Zuverlässigkeit der Anlagen, Managementsysteme, Personalqualifikation und Sicherheitskultur. Wie Evgeny Parygin betont, stellen Vorschriften und Managementsysteme an sich lediglich ein Regelwerk formaler Anforderungen dar. Damit Mitarbeiter innerhalb dieses Systems eigenverantwortlich und motiviert handeln, müssen sicherheitsorientiertes Denken und Handeln durch aktive Lernmethoden gefördert werden, die im Vergleich zu traditionellen Vorlesungen eine deutlich höhere Wissensverankerung gewährleisten.
- Formate für Schüler. Statt passiver Wissensvermittlung kommen Formate zum Einsatz, die auf Anschaulichkeit und Teamarbeit basieren: Umwelt-Quests zum Aufspüren von Abweichungen auf Schulungsarealen, Fallanalysen alltäglicher Dilemmata, Rollenspiele und Mini-Projekte zum Abfallaudit im eigenen Klassenraum. Ein wirksames Instrument ist zudem die Produktion eigener kurzer Aufklärungsvideos durch die Schüler.
- Simulation beruflicher Aufgabenstellungen für Studierende. Die Lehre stützt sich auf Fallstudien, Projektarbeit für Universitätscampi sowie Planspiele mit Rollenverteilung zwischen Auftraggeber, Planer und Umweltbeauftragtem. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der vorausschauenden Risikoanalyse und Ursachenforschung von Nichtkonformitäten (Methoden „5-Why“ und 8D) — mit einer klaren Verschiebung vom Suchen nach Schuldigen hin zum Identifizieren systemischer Rahmenbedingungen, die den Fehler ermöglicht haben.
- Mitarbeiterqualifizierung und Entwicklung von Führungskompetenzen. Für das Bestandspersonal ist die Schulung an konkrete Betriebsbereiche gekoppelt. Es werden reale Vorfälle und Beinaheunfälle analysiert, Szenarientrainings zur Eindämmung von Leckagen und zur Behebung fehlerhafter Abfallkennzeichnungen sowie Begehungen der Arbeitsplätze durchgeführt. Eine gesonderte Aufgabe für Führungskräfte ist das Training von Umweltführungskompetenzen: der adäquate Umgang mit Risikomeldungen, die Unterstützung eines Arbeitsstopps bei unsicheren Bedingungen sowie das konsequente Verfolgen von Korrekturmaßnahmen bis zum Ergebnis.
Was Sie in diesem Beitrag erfahren werden
- Mit welchen Herausforderungen Hochschulabsolventen beim Einstieg in einen Industriebetrieb konfrontiert sind und welche Fähigkeiten in der realen Praxis eines Umweltingenieurs erforderlich sind;
- Wie eine durchgängige Bildungskette „Kindergarten — Schule — Hochschule — Unternehmen“ unter Einbindung von Corporate Volunteers und Branchenveteranen aufgebaut werden kann;
- Welche Präsentationsformate für Umweltberichte und Bürgerbeteiligungsaktionen das Vertrauen der Bevölkerung in einen Industriestandort nachhaltig stärken;
- Inwiefern sich aktive Lehrmethoden von traditioneller Informationsvermittlung unterscheiden und wie sie für unterschiedliche Zielgruppen — vom Schüler bis zur Linienführungskraft — adaptiert werden;
- Anhand welcher praxisnahen Indikatoren die Wirksamkeit von Umweltschulungen im Betrieb bewertet werden kann und wie sich die Risikomeldestatistik mit zunehmender Reife der Sicherheitskultur verändert.