Der menschliche Faktor bleibt die Hauptursache für Arbeitsunfälle — in der Kernkraftbranche kann dieser Wert bis zu 95 % erreichen. Das Vorhandensein moderner Ausrüstung und eines zertifizierten Umweltmanagementsystems (beispielsweise nach ISO 14001) garantiert für sich genommen noch keine Verstößfreiheit. Ein Managementsystem stellt ein Regelwerk dar, und erst die Sicherheitskultur ermöglicht es, den Menschen in diese Regeln zu integrieren und formale Anforderungen in bewusste Handlungen jedes Mitarbeiters zu verwandeln.
Im Rahmen des Vortrags analysieren Experten, wie der Ansatz für das Abfallmanagement durch die Brille der Umweltsicherheitskultur transformiert werden kann, indem theoretische Konzepte der nachhaltigen Entwicklung mit praktischen Fallbeispielen aus dem Novovoronezh NPP kombiniert werden.
Einer der schwierigsten Schnittpunkte zwischen dem Managementsystem und der realen Betriebspraxis ist die Tätigkeit von Auftragnehmerorganisationen. Im Novovoronezh NPP wurde ein Pilotprojekt umgesetzt, das es ermöglichte, diesen Prozess ausgehend von der Phase der Beschaffungsverfahren zu strukturieren.
Zusätzliche Umweltschutzanforderungen werden nun direkt in die technischen Aufgabenstellungen aufgenommen. Vor dem Betreten des Betriebsgeländes ist der Auftragnehmer verpflichtet, im Rahmen des Arbeitsausführungsplans einen Zeitplan für die Abfallentstehung sowie Schemata für deren Abtransport vorzulegen. Die Umweltschutzexperten des Kraftwerks überprüfen diese Daten vorab auf die Einhaltung der festgelegten Normen. Dies ermöglicht eine klare Abgrenzung der Eigentumsrechte an den Abfällen, verhindert die Überschreitung von Grenzwerten und beugt somit überflüssigen Ausgleichszahlungen vor, die das finanzielle Ergebnis des Unternehmens belasten.
Für das Linienpersonal der Auftragnehmer wurden anschauliche Abfallmanagementschemata entwickelt, die direkt in den Arbeitsbereichen ausgehängt werden. Auf den Schemata ist visualisiert, wohin genau (in welchen Behälter) der Arbeiter Putzlappen, Altmetall oder Elektrodenreste entsorgen muss, wer dafür verantwortlich ist und wohin der Abfall als Nächstes gelangt. Eine solche Visualisierung hilft Fachkräften ohne tiefgehende Umweltkompetenzen, die Anforderungen an ihrem Arbeitsplatz fehlerfrei zu erfüllen.
Die Entwicklung der Sicherheitskultur führt direkt zur Verbesserung technologischer Prozesse und zur Reduzierung von Kosten. Im Vortrag wird der Ansatz zur Optimierung des Umgangs mit Beschichtungsstoffen sowie Dämmstoffen detailliert behandelt.
Beispielsweise stoßen Auftragnehmer bei Instandhaltungsarbeiten unter Verwendung von Beschichtungsstoffen auf brandschutztechnische Einschränkungen hinsichtlich der Lager- und Bereitstellungsmengen vor Ort. Das eingeführte Verfahren erlaubt die Nutzung kleiner Behälter für die täglichen Arbeiten, die zur Mehrfachverwendung an das Lager zurückgegeben werden. Nach Abschluss der Arbeiten werden sowohl kleine als auch große Behälter zurückgegeben. Dies reduziert das Abfallvolumen der Gefährdungsklassen III–IV, die eine kostenintensive Unschädlichmachung erfordern, erheblich.
Ein weiteres anschauliches Beispiel ist der Umgang mit demontierter Dämmung (Schlackenwolle), die zu den staubenden krebserzeugenden Abfällen zählt. Gemeinsam mit den Auftragnehmern wurde ein Verfahren zum Pressen der Matten direkt am Demontageort mithilfe einer mobilen Presse eingeführt. Dadurch staubt der Abfall nicht mehr, die Risiken von Entzündung und Belastung der Atemwege des Personals sinken, und die Transportkosten für die Entsorgung des gepressten Materials auf die Deponie verringern sich um fast das Neunfache.
Die Architektur der Umweltsicherheit basiert auf vier Elementen: Technologizität, Managementsystemen, qualifiziertem Personal und Sicherheitskultur. Das letztgenannte Element ist finanziell am wenigsten aufwendig, erfordert jedoch ein kontinuierliches Engagement von Führungskräften und Mitarbeitern. Die Reife eines Unternehmens in diesem Bereich lässt sich auf einer Skala von der pathologischen Stufe (Ignorieren von Anforderungen) bis hin zur gestaltenden Stufe (gemeinsames Sicherheitsbewusstsein) bewerten.
Eine reife Kultur macht nicht am Werkstor halt. Die Referenten betonen die Bedeutung der Einbindung von Arbeiterfamilien und Anwohnern der Standortregionen. So wurde in der Standortstadt des Kraftwerks ein gemeinsames Programm mit Tatneft zur Sammlung von Altreifen aus der Bevölkerung umgesetzt, was es ermöglichte, innerhalb von zwei Jahren mehr als 46 Tonnen Abfall dem Recycling zuzuführen und deren Ansammlung in Garagenkomplexen zu beseitigen.
Darüber hinaus werden Studierende fachbezogener Hochschulen in die Untersuchung der morphologischen Zusammensetzung von Abfällen einbezogen. Die praktische Sortierung und Analyse von Siedlungsabfällen räumen mit Mythen über das Vorhandensein radioaktiver Abfälle im Hausmüll auf und prägen bei jungen Menschen ein bewusstes ökologisches Denken.
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