Die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz diktiert neue Regeln für den Umgang mit Informationen. Während vor einem halben Jahr die Automatisierung im Bereich Arbeitsschutz und Anlagensicherheit (HSE) noch bei der Eingabe von Anweisungen (Prompts) in Sprachmodelle zur Texterstellung endete, liegt der Fokus heute auf autonomen Systemen. KI-Agenten und das Konzept des „Vibecodings“ eröffnen Möglichkeiten, bei denen Fachkräfte Routineaufgaben nicht nur an neuronale Netze delegieren, sondern ohne Programmierkenntnisse selbst Unternehmenssoftware erstellen können.
Großunternehmen integrieren künstliche Intelligenz bereits aktiv in ihre Prozesse. Unternehmen aus der Metallurgie- und Bergbausektoren entwickeln eigene branchenspezifische Sprachmodelle und implementieren RAG-Systeme (Retrieval-Augmented Generation) für die Arbeit mit umfangreichen regulatorischen Dokumentationen. Der wichtigste technologische Wandel der letzten Monate ist jedoch der Übergang von einfachen Assistenten zu KI-Agenten.
Im Gegensatz zu grundlegenden neuronalen Netzen können Agenten komplexe, mehrstufige Aufgabenketten autonom ausführen. Im Rahmen seines Vortrags demonstriert Rinat Fatkhutdinov die Arbeit eines lokalen Agenten, der den gesamten Zyklus der Risikobewertung übernimmt. Der Prozess sieht wie folgt aus: Das System erhält ein Foto des Arbeitsplatzes, identifiziert visuell Gefahren gemäß der Verordnung Nr. 776n, öffnet eigenständig Excel auf dem Computer des Benutzers, füllt das Risikoregister aus, berechnet das notwendige Budget für Korrekturmaßnahmen und erstellt eine abschließende Präsentation für das Management. Die menschliche Beteiligung beschränkt sich lediglich auf die Genehmigung der wichtigsten Schritte.
Ein weiterer bedeutender Trend ist das Vibecoding. Dabei beschreibt der Benutzer die Logik des Programms in natürlicher Sprache, während die künstliche Intelligenz den funktionierenden Code schreibt und zusammenstellt. Für HSE-Spezialisten bedeutet dies Unabhängigkeit von langwierigen IT-Entwicklungszyklen.
Der Referent erläutert diesen Ansatz am persönlichen Beispiel der Erstellung eines umfassenden Managementsystems für acht Sicherheitsbereiche (einschließlich Brandschutz, Umweltschutz und Anlagensicherheit). Mithilfe von KI wurde ein MVP (Minimum Viable Product) entwickelt, das automatisch die Organisationsstruktur des Unternehmens aufbaut, Rollen zuweist und lokale regulatorische Dokumente generiert. Das System ist beispielsweise in der Lage, eigenständig eine Brandschutzanweisung zu erstellen, wobei die Besonderheiten des jeweiligen Gebäudes, die Lage der Raucherbereiche und die benannten Verantwortlichen berücksichtigt werden. Die Entwicklung eines solchen Werkzeugs mit traditionellen Methoden hätte Monate der Arbeit eines ganzen Programmiererteams erfordert, während Vibecoding es ermöglichte, das Projekt durch einen einzelnen Fachexperten in wenigen Wochen umzusetzen.
Die Einführung autonomer Systeme verändert nicht nur Prozesse, sondern auch die Anforderungen an Kompetenzen. Es entsteht ein Bedarf an „Wissensvermittlern“ (Knowledge Brokers) – Spezialisten, die sowohl die Methodik der Arbeitssicherheit tiefgreifend verstehen als auch KI-Werkzeuge beherrschen. Sie werden zum Bindeglied zwischen den realen Anforderungen der Produktion und den IT-Abteilungen.
Künstliche Intelligenz ersetzt den Experten nicht, verändert aber den Wert seiner Arbeit radikal. Die Befreiung von Routineaufgaben bei der Dokumentenarbeit ermöglicht es, sich auf proaktive Maßnahmen, die Entwicklung einer Sicherheitskultur und ein strategisches Risikomanagement zu konzentrieren.
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