Warum tun wir das?

9 Oktober 2025 🇷🇺 Original: русский 1 Min. Lesezeit

Wie Sidney Dekker, Professor und Direktor des Safety Innovation Lab, sagt: „Menschen brechen keine Regeln, weil sie verletzt werden wollen. Sie brechen sie, weil sie darin keine Bedrohung sehen.“

Kaum jemand kommt mit dem Gedanken zur Arbeit: „Heute werde ich mich verletzen oder sterben.“ Und doch verstoßen jedes Jahr Millionen von Menschen weltweit gegen HSE-Regeln – nicht aus böser Absicht, sondern aufgrund der Funktionsweise ihres Gehirns. Die Frage „Warum verstoßen Menschen gegen Sicherheitsvorschriften?“ ist eine der zentralen Fragen im Bereich der Arbeitssicherheit. Die Antwort darauf liegt nicht in moralischen Belehrungen oder Schuldzuweisungen, sondern in der Wissenschaft: in der Kognitionspsychologie, der Verhaltensökonomie und der Soziologie.

Das Gehirn gegen die Sicherheit: Sechs kognitive Fallen

Unser Verhalten am Arbeitsplatz ist eine Fortsetzung unseres Alltags. Wir nutzen dieselben mentalen Filter, dieselben Vereinfachungen und dieselben Wahrnehmungsverzerrungen. Hier sind sechs typische Situationen – und die wissenschaftlichen Mechanismen dahinter.

  1. „So geht es schneller“ – Priorität der Produktivität Wir überschätzen den sofortigen Nutzen und unterschätzen das langfristige Risiko. Dies ist die Heuristik des sofortigen Nutzens – eine kognitive Verzerrung, die in der Verhaltensökonomie gut untersucht ist. Die Ersparnis von zwei Minuten erscheint real, während die Wahrscheinlichkeit eines Stromschlags abstrakt ist, weshalb das Gehirn „schneller“ wählt.
  2. „Das haben wir schon immer so gemacht – und es ist nichts passiert“ – Normalisierung von Abweichungen Wenn eine gefährliche Handlung ohne Folgen wiederholt wird, wird sie zur „Norm“. Hier wirken gleich drei Verzerrungen: – Kontrollillusion: „Ich habe alles im Griff“; – Survivorship-Bias: Wir sehen nur diejenigen, die „Glück“ hatten; – Bestätigungsfehler: „Ich habe es 100 Mal gemacht, also ist es sicher“.
  3. „Regeln sind nicht für das echte Leben gemacht“ – Die Kluft zwischen Vorschrift und Praxis Wenn Regeln unlogisch oder von oben aufgedrängt erscheinen, setzt psychologischer Widerstand ein: Die Person bricht sie bewusst, um ein Gefühl der Autonomie zu bewahren.
  4. „Warum sollte ich das tun?“ – Sinnverlust Ohne das Ziel zu verstehen, schaltet das Gehirn die Motivation ab. Das ist der Effekt der „Zielblindheit“: Wenn eine Regel als reine Formalität erscheint, wird sie ignoriert. Hinzu kommt die Illusion der persönlichen Unverwundbarkeit: „Mir wird so etwas nicht passieren.“
  5. „Alle machen das so“ – Die Macht der Gruppe Menschen neigen dazu, sich an Gruppennormen anzupassen, selbst entgegen dem gesunden Menschenverstand. Das ist Konformismus und die Konsensillusion: Wir überschätzen, wie weit verbreitet riskantes Verhalten tatsächlich ist.
  6. Fehlendes Feedback Wenn ein Verstoß ohne Folgen bleibt – weder Bestrafung noch eine Ermahnung – , lernt das Gehirn: „Das ist in Ordnung.“ Dies ist das Grundprinzip der operanten Konditionierung: Verhalten festigt sich, wenn es auf keinen Widerstand stößt.

Was ist zu tun? Verstehen statt beschuldigen

Wie Albert Einstein schrieb: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Wenn wir weiterhin Verstöße bestrafen, ohne das System zu ändern, sind wir dazu verdammt, Fehler zu wiederholen. Stattdessen hier fünf wissenschaftlich fundierte Schritte:

  1. Beschuldigen Sie nicht – untersuchen Sie. Jeder Verstoß ist ein Signal für ein Problem im System, nicht im Menschen.
  2. Beziehen Sie die Mitarbeiter in die Erstellung von Regeln ein. Menschen halten sich an das, was sie mitgestaltet haben.
  3. Erklären Sie das „Warum“, nicht nur das „Wie“. Verknüpfen Sie die Regel mit einer wahren Geschichte: „Diese Schuhe haben Ivan 2022 die Zehen gerettet.“
  4. Machen Sie Sicherheit bequem. Wenn der sichere Weg der einfachste, schnellste und am meisten akzeptierte ist, wird er auch gewählt.
  5. Schaffen Sie psychologische Sicherheit. Die Menschen müssen über Risiken sprechen können, ohne Angst vor Verurteilung zu haben.

Fazit: Sicherheit ist nicht Kontrolle, sondern Vertrauen

Bei der Arbeitssicherheit geht es nicht um Verbote, sondern um das Verständnis der menschlichen Natur. Wie Studien zeigen, sind Fehler kein Zeichen von Dummheit, sondern eine Folge davon, wie unser Gehirn mit Unsicherheit, Druck und Routine umgeht. Wenn wir aufhören, im Regelbrecher den „Schuldigen“ zu sehen, und anfangen, in ihm einen Menschen zu sehen, der innerhalb seiner kognitiven Grenzen handelt – dann beginnt wahre Sicherheit.

„Sicherheit ist nicht das, was man tut, wenn jemand zuschaut. Es ist das, was man tut, wenn niemand zuschaut.“ – Unbekannter Autor, aber sehr treffend.

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