Sicherheitskultur der Führungskraft und menschliche Psychophysiologie

Fallstudie
26 August 2021 🇷🇺 Originalsprache: русский

Der menschliche Faktor durch das Prisma der Neurobiologie

Der traditionelle Ansatz im Arbeitsschutz stützt sich oft auf administrative Maßnahmen und Vorschriften und übersieht dabei die grundlegenden physiologischen Mechanismen, die das Verhalten der Mitarbeiter steuern. Die Entwicklung einer Sicherheitskultur ist unmöglich, ohne zu verstehen, wie das Gehirn auf Stress, Müdigkeit und äußeren Druck reagiert. In seinem Vortrag analysiert Evgeny Parygin, Berater für Sicherheitskultur bei der JSC "SNIIP", detailliert die psychophysiologischen Aspekte der Führung und erklärt, warum klassische Bestrafungsmethoden in gefährlichen Produktionsstätten oft den gegenteiligen Effekt haben.

Zwei Denksysteme: Warum Anweisungen nicht immer funktionieren

Basierend auf den Forschungen des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman zeigt der Referent, dass der Mensch nur maximal 25 – 30 % der Arbeitszeit im Modus des analytischen (kritischen) Denkens verbringen kann. Die restlichen 70 – 75 % der Handlungen werden automatisch ausgeführt.

Das automatische Denken unterteilt sich in positives (basierend auf gefestigten sicheren Gewohnheiten) und negatives (das bei Zeitmangel, Müdigkeit oder einer Überfülle an komplexen Informationen entsteht). Die Aufgabe der Führungskraft besteht darin, die Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass sich der Mitarbeiter in Momenten automatischer Handlungen auf positive Muster stützt und nicht unter dem Druck der Umstände instinktive Fehler begeht.

Die Physiologie des Stresses: Der Preis eines Verweises

Ein harter Führungsstil und eine Kultur der Bestrafung haben einen konkreten physiologischen Preis. Bei einer Stresssituation wird Cortisol – das Angsthormon – ins Blut ausgeschüttet. Der Referent führt Forschungsdaten an: Unter dem Einfluss von starkem Stress verschlechtert sich das Gedächtnis des Mitarbeiters um 40 %, das intellektuelle Potenzial sinkt um 50 % und die Geschwindigkeit der motorischen Reaktionen nimmt um 30 – 40 % ab.

Es ist von entscheidender Bedeutung zu verstehen, dass der psychophysiologische Übergang eines Menschen aus einem Stresszustand zurück in die Zone des adäquaten analytischen Denkens etwa 2,5 Stunden dauert. Wenn eine Führungskraft einen Mitarbeiter durch Anschreien oder einen harten Verweis am Arbeitsplatz bestraft, schließt sie ihn faktisch für mehrere Stunden aus dem sicheren Produktionsprozess aus und erhöht das Unfallrisiko um ein Vielfaches.

Die Evolution des Teams: Von der Angst zur Achtsamkeit

Der Vortrag beleuchtet detailliert drei Phasen der Entwicklung der Sicherheitskultur durch das Prisma der kommunikativen Taktik "Freund-Feind":

  • Die Ebene der Angst. Der Mitarbeiter lässt sich von dem Gedanken leiten: "Was wird mit mir passieren?". Zwang und die Angst vor Bestrafung dominieren. Dies ist ein ressourcenintensives und das am wenigsten effektive Modell.
  • Die Ebene der Scham. Eine Übergangsphase, in der der Gedanke "Was werden die eigenen Leute von mir denken?" als Motivation dient. Es entsteht eine Verantwortung gegenüber dem Team, aber die Gleichgültigkeit gegenüber externen Regeln bleibt bestehen.
  • Die Ebene des Gewissens. Die höchste Stufe, basierend auf Selbstkontrolle und innerer Motivation. Sicherheit wird zu einem persönlichen Wert und nicht zu einer aufgezwungenen Anforderung.

Um auf die höheren Ebenen zu gelangen, muss die Führungskraft Empathie-Werkzeuge einsetzen und eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen, indem sie die Ausschüttung von Belohnungshormonen (Dopamin, Serotonin) stimuliert, die die Auswirkungen von Stress neutralisieren.

Die Generationentheorie im Sicherheitsmanagement

Die Wirksamkeit der Kommunikation hängt direkt von den Wertvorstellungen der Mitarbeiter ab. Der Referent zeigt am Beispiel der Atomindustrie, wie sich die Arbeitsansätze verschiedener Generationen unterscheiden. Während für die "Babyboomer" Status, Kollektivismus und Teamgeist wichtig sind, zeichnet sich die Generation X durch Pragmatismus und Individualismus aus, und die Generation Y ist auf Komfort und interessante Arbeit ausgerichtet. Das Ignorieren dieser Unterschiede führt dazu, dass die richtigen Botschaften der Führungskraft von den Untergebenen einfach nicht wahrgenommen werden.

Was Sie in diesem Webinar lernen werden:

  • Wie man Mitarbeiter aus der Zone des negativen automatischen Denkens in einen sicheren Modus überführt?
  • Warum harte Strafen für Fehler die Wahrscheinlichkeit von Verletzungen in den folgenden Arbeitsstunden erhöhen?
  • Wie man den "Priming"-Effekt nutzt, um sichere Gewohnheiten in der Produktion zu formen?
  • Welche biochemischen Prozesse die Fähigkeit des Mitarbeiters blockieren, Anweisungen in einer kritischen Situation zu befolgen?
  • Wie man Führungsinstrumente an die Werte verschiedener Mitarbeitergenerationen anpasst?
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