1. Das Problem der Systemstagnation
Nach der umfassenden Transformation unseres HSE-Systems haben wir, wie viele andere auch, „einen Baum gepflanzt“ – das Fundament gelegt. Doch jedes noch so gut funktionierende System stagniert und fällt zurück, wenn es nicht kontinuierlich gepflegt wird.
Wir standen vor einem realen Risiko: Die Abteilungsleiter begannen, in der wachsenden Flut von Anforderungen zu ertrinken. Sie erhielten gleichzeitig Aufgaben aus den Bereichen Arbeitssicherheit, Umweltschutz und Verkehrssicherheit – und das alles vor dem Hintergrund der Einführung einer neuen HSE-Philosophie (Sicherheitsrundgänge, Unfalluntersuchungen, Schulungen).
Was ist der Preis für dieses Problem? Das unvermeidliche Burnout der Führungskräfte, eine Zunahme der Papierarbeit, vorgetäuschte Aktivitäten und als Folge davon ein wahrscheinlicher Anstieg der Unfallzahlen, trotz aller Vorschriften.
Um dies zu verhindern, wurde das Projekt „Kuratoren-Programm“ ins Leben gerufen. Wir brauchten einen „Gärtner“, der dem System beim Wachsen hilft.
2. Warum nicht sofort? Das Problem der Desynchronisation
Es wäre ein Fehler gewesen, das Kuratoren-Programm sofort zu starten. Das Projekt wurde vollständig mit internen Ressourcen der HSE-Direktion umgesetzt, ohne Einbeziehung der Personalabteilung oder externer Berater. Dabei bestand unser Team zu 80 % aus Mitarbeitern der alten Garde. Zweifellos hervorragende Fachleute, die es jedoch gewohnt waren, anders zu arbeiten.
Zunächst mussten wir unsere eigene Direktion neu ausrichten. Hätten wir unvorbereitete Kuratoren in die Abteilungen geschickt, die die neue Philosophie nicht verstanden, hätte dies zu einer völligen Desynchronisation geführt und die Idee von vornherein diskreditiert.
3. Die Mechanik: Wer ist ein Kurator (und wer nicht)?
Die zentrale These unserer Philosophie lautet: Der Sicherheits-Leader ist die Führungskraft. Sie ist das Vorbild.
Die Rolle des Kurators besteht nicht darin, zu führen, sondern eine Art „graue Eminenz, Mentor, Lehrer und Coach“ zu sein. Seine Aufgabe ist es, die Führungskraft weiterzuentwickeln und sie vom Stereotyp des „Sicherheitsaufsehers“ wegzuführen.
Beim Kuratoren-Programm geht es um lebendige Kommunikation und Unterstützung. Zum Arsenal des Mentors gehören:
Und das vielleicht anschaulichste Beispiel sind die Gespräche der Führungskraft mit den Mitarbeitern vor deren Urlaub.
Wie haben wir die Kuratoren ausgewählt? Es sind unsere internen Fachkräfte. Wir haben sie nach dem Ankerprinzip (Kernkompetenz) zugewiesen: Ein Spezialist für Anlagensicherheit für gefährliche Produktionsstätten, ein HSE-Spezialist für Abteilungen mit anderen spezifischen Anforderungen.
Wir stießen auf ein Problem: Nicht alle unsere Experten verfügten über „Soft Skills“ – einfach gesagt, nicht alle konnten gut präsentieren und einen Dialog führen. Wir nutzten die „Safety Days“ als internes Training für öffentliches Auftreten, um sie auf ihre Rolle als Mentoren vorzubereiten.
Ja, der Kurator motiviert die Führungskraft, mit den Mitarbeitern nicht nur über Arbeitsunfälle, sondern auch über Freizeitunfälle zu sprechen. Warum? Weil Sicherheitskultur nichts ist, was man „am Werkstor abgeben“ kann. Es ist eine Denkweise. Der Kurator hilft als Mentor der Führungskraft, diesen Gedanken jedem Einzelnen zu vermitteln.
4. Der reale Kampf: „Du bist mein Sekretär“
Bei der Einführung des Kuratoren-Programms (die Erfahrungen laufen seit 2024) sehen wir das wichtigste Ergebnis: Dieses System entwickelt die Führungsqualitäten der Manager selbst.
Der Kurator hilft der Führungskraft, sich mit dem Thema Sicherheit vertraut zu machen und selbstbewusst sowie sinnvoll darüber zu sprechen. Sicherheit ist nicht länger eine lästige Pflicht der HSE-Abteilung, sondern wird zu einer persönlichen Managementqualität.
Das Kuratoren-Programm ist unser wichtigstes Instrument zur Verankerung der Kultur. Es ist unsere Art, der Führungskraft zu sagen: „Wir sind da. Wir helfen. Lassen Sie uns das gemeinsam tun.“
Anfangs erwarteten wir Skepsis, aber es gab kaum welche – die Führungskräfte warteten bereits auf Unterstützung. Das Problem lag woanders: Etwa 40 % der Führungskräfte betrachteten den Kurator als Sekretär oder Stellvertreter, der nun die gesamte Papierarbeit für sie erledigen würde.
Dies konnte nicht durch Befehle, sondern durch lebendige Dialoge und den Aufbau eines Vertrauenssystems überwunden werden. Der entscheidende Wendepunkt kam, als die Führungskräfte in der Praxis erkannten: Sie werden für festgestellte Verstöße nicht bestraft, sondern man sucht gemeinsam mit ihnen nach der wahren Ursache.
5. Beweis Nr. 1: Zwei reale Praxisbeispiele
Personal ist alles. Und bei der Arbeit hängt viel vom Einzelnen ab.
6. Beweis Nr. 2: Reale Zahlen und Fakten
Unsere Philosophie lautet: „Lernen, wie man Sicherheit lernt“. Und diese Philosophie wird durch Zahlen belegt. Im Vergleich zum Vorjahr (vor der aktiven Phase des Kuratoren-Programms):
Am besten beschreibt den Effekt das anonyme, direkte Zitat einer Führungskraft: „Ehrlich gesagt, habe ich an diese Geschichte nicht geglaubt. Ich dachte, ihr seid die üblichen Sicherheitsaufseher... Aber jetzt sehe ich, dass der Nutzen enorm ist. Ich habe meine Einstellung geändert.“
7. Beweis Nr. 3: Das Praxisbeispiel „Moskauer Handläufe“
Ein anschauliches Beispiel für den kulturellen Unterschied erlebten wir auf einer Strategiesitzung mit wichtigen Führungskräften des Unternehmens. Wir stellten fest, dass sich die Kollegen vom Standort Taman (wo die Kuratoren engmaschig arbeiten) auf Treppen instinktiv am Handlauf festhalten – und zwar immer. Die Kollegen aus dem Moskauer Büro (wo es noch kein Kuratoren-Programm gibt) taten dies nicht und nahmen Hinweise darauf nur mit einem Scherz auf.
Das war sehr entmutigend, und es schien, als wäre so viel Arbeit umsonst gewesen.
Doch letztendlich halten sich nach den neuesten Daten selbst in der Außenseiter-Abteilung nun 90 % der Kollegen am Handlauf fest. Das beweist, dass „steter Tropfen den Stein höhlt“, und das Kuratoren-Programm ist genau dieser Tropfen.
8. Die Zukunft: Rotation, Wachstum und KI
Das Projekt steht nicht still.
9. Unsere Bedeutung des Wortes „Kurator“
Wir haben dem Wort „Kurator“ bewusst unsere eigene Bedeutung gegeben, nicht die, die man in Wörterbüchern findet. Für uns ist es keine Stellenbeschreibung.
Es ist unsere Philosophie des „Gärtners“, der das System pflegt und verhindert, dass es „austrocknet“. Es ist ein „Kompass“ für die Führungskraft als „Kapitän“. Es ist ein Coach und Mentor, der auf Augenhöhe steht und nicht von oben herab agiert. Und wie die Zahlen zeigen, ist dieser Ansatz nicht nur menschlich, sondern auch effektiv.