Die Entwicklung der Sicherheitskultur in großen Industrieunternehmen stößt unweigerlich auf die Frage nach der Rolle der Führungskraft. Die formale Einhaltung von Arbeitsschutz- und Arbeitssicherheitsvorschriften reicht nicht mehr aus, um die Unfallzahlen nachhaltig zu senken. Bewusste Führung rückt in den Mittelpunkt. Die Einführung von Führungspraktiken stößt jedoch häufig auf Skepsis, sowohl beim mittleren Management als auch bei den Mitarbeitern, die neue Initiativen oft als zusätzliche administrative Belastung empfinden.
In ihrem Vortrag analysieren die Experten von Nornickel, Mikhail Zhiganov und Alexey Avramenko, die grundlegende Frage: Ist das Konzept der Sicherheitsführung für jede Führungskraft wirklich notwendig, oder ist es nur ein Tribut an moderne Unternehmenstrends? Basierend auf ihrer umfassenden Erfahrung bei der Transformation der Sicherheitskultur in der Bergbau- und Metallindustrie untersuchen die Referenten die tiefgreifenden Barrieren, die Führungskräfte daran hindern, proaktiv Verantwortung für das Leben und die Gesundheit ihrer Untergebenen zu übernehmen.
Eines der Hauptprobleme der Arbeitssicherheit bleibt die Kluft zwischen den auf Top-Management-Ebene deklarierten Werten und dem tatsächlichen Verhalten am Arbeitsplatz. Wenn Führung ausschließlich durch direktive Methoden von oben verordnet wird, ohne Sinn und Werte zu vermitteln, verkommt sie schnell zu einem weiteren bürokratischen Instrument, das keinen Einfluss auf die tatsächliche Sicherheit hat.
Der Vortrag beleuchtet detailliert den Übergang von der traditionellen Aufsichtsführung zur einbindenden Führung. Die Experten zeigen auf, wie sich die veränderte Einstellung der Führungskräfte der obersten Ebene schrittweise auf die Ebene der Abteilungsleiter, Bereichsleiter und Meister überträgt. Besonderes Augenmerk liegt auf Instrumenten für konstruktives Feedback und verhaltensorientierten Sicherheitsaudits. Es wird betont, dass diese Instrumente nur dann effektiv funktionieren, wenn die Führungskraft aufrichtig daran interessiert ist, die Grundursachen für unsicheres Verhalten zu finden, anstatt nur Schuldige zu bestrafen.
Die Entwicklung des Führungspotenzials im Bereich Arbeitsschutz erfordert einen systematischen und langfristigen Ansatz. Die Referenten teilen praktische Erfahrungen zur Schulung, Bewertung und immateriellen Motivation der Führungsebene. Es wird erörtert, wie ein offener Dialog mit den Mitarbeitern aufgebaut werden kann, um versteckte Risiken und blinde Flecken in Produktionsprozessen zu identifizieren und Vorfälle zu verhindern, lange bevor sie entstehen.
Ein wichtiger Aspekt des Berichts ist die Etablierung einer Kultur des fairen Umgangs (Just Culture). Dies beinhaltet das Recht auf einen unbeabsichtigten Fehler und den Verzicht auf ein Strafsystem bei der Untersuchung von Bagatellunfällen und Beinaheunfällen (near miss). Nur in einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens hört Führung auf, ein abstraktes Schlagwort zu sein, und wird zu einem täglichen Arbeitsinstrument zur Senkung von Arbeitsunfällen. Die Referenten führen Beispiele dafür an, wie die Reaktion einer Führungskraft auf eine Unfallmeldung das Maß an Offenheit im Team radikal verändert.
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