Die Transformation der Unternehmenskultur in großen Industriekonzernen verläuft selten ohne Widerstände. Der Übergang von reaktiven Reaktionen auf Vorfälle hin zu einem proaktiven Risikomanagement erfordert nicht nur eine Anpassung des Regelwerks, sondern auch einen tiefgreifenden Wandel der Denkweise auf allen Ebenen — vom Generaldirektor bis zum Linienmeister. Der Vortrag beleuchtet detailliert den praktischen Weg eines großen Bergbauunternehmens mit über 15.000 Mitarbeitern, das an der Jahreswende 2022–2023 systemische Veränderungen der Sicherheitskultur eingeleitet hat.
Der Referent analysiert offen nicht nur erfolgreiche Lösungen, sondern auch typische Fehler der Anfangsphase: den Versuch, zu viele Initiativen gleichzeitig einzuführen, das Aufeinandertreffen mit Formalismus vor Ort sowie Schwierigkeiten bei der Integration von Arbeitsschutzprozessen in das Geschäftssystem des Unternehmens.
Ein zentrales Instrument zur Einbindung der Führungsebene in Sicherheitsfragen waren verhaltensorientierte Sicherheitsaudits. Zu Beginn stieß das Unternehmen jedoch auf die klassische Falle der „Quotenerfüllung“. Die Festlegung von Vorgaben (z. B. zwei Audits pro Monat für jeden technischen Angestellten) führte dazu, dass Prüfungen nur formell durchgeführt und Daten massenhaft in den letzten Tagen des Berichtszeitraums in das System eingetragen wurden.
Um diesen Trend zu brechen, wurde ein ganzheitlicher Ansatz umgesetzt:
Ein wichtiger Schritt war die Überarbeitung der Struktur der Key Performance Indicators (KPI) für Führungskräfte. Traditionelle reaktive Metriken (FATALITY, LTIFR) machen nun nur noch 20 % des Sicherheitsblocks im Jahresbonus aus. Die restlichen 80 % sind proaktive Kennzahlen, die das Personal dazu motivieren, Vorfälle zu verhindern.
In den proaktiven Block wurden drei Schlüsselelemente integriert:
Die Nichterfüllung der monatlichen Pläne für diese Kennzahlen wirkt sich direkt auf den Jahresbonus aus, was eine ständige Einbindung der technischen Führungsebene sicherstellt.
Zur Verankerung der neuen Kultur startete das Unternehmen eine Reihe von Führungskräftesitzungen. Der Prozess begann auf der Ebene des Top-Managements: Der Generaldirektor und die Werksleiter übernahmen persönliche Sicherheitsverpflichtungen. Der nächste Schritt war die Kaskadierung dieser Prinzipien auf die Ebene der Linienvorgesetzten durch die Einführung von „Sicherheitspraktiken“ — einem angepassten Arbeitsstandard für Führungskräfte.
Parallel dazu wurde die Arbeit mit kritischen Risiken systematisiert. Historisch gab es im Unternehmen mehrere isolierte Methoden zur Bewertung dieser Risiken. Heute wird das Verzeichnis kritischer Risiken (wie etwa eine Grubenflutung, die zum Geschäftsverlust führen könnte) in jährlichen Sitzungen unter Beteiligung der obersten Führungsebene erstellt. Das Management dieser Risiken ist in einem separaten Block ausgewiesen, der 10 % des Jahresbonus technischer Führungskräfte ausmacht, und die Durchführung von Schutzmaßnahmen wird streng verifiziert.
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