Die Wirksamkeit der Arbeitssicherheit hängt nicht nur von der Qualität der Vorgaben, Verfahren und technischen Schutzmaßnahmen ab. Ebenso wichtig ist, wie die Beschäftigten die Funktion für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz (HSE) selbst wahrnehmen – als Kontrolleure oder als Partner, die den Betrieb dabei unterstützen können, sicherer zu arbeiten.
Bei Nornickel hat sich die Arbeit am Image der HSE-Funktion zu einem eigenständigen Handlungsfeld bei der Weiterentwicklung der Sicherheitskultur entwickelt.
In einem großen Industrieunternehmen wird Sicherheit durch viele ineinandergreifende Elemente gewährleistet: technische Barrieren, Verfahren, das Risikomanagementsystem, Schulungen, Kontrollen und die Arbeit der HSE-Mitarbeitenden.
Die Wirksamkeit des gesamten Systems zeigt sich jedoch letztlich im Verhalten des Einzelnen. Die Arbeitskraft trifft die Entscheidung, eine unsichere Tätigkeit zu stoppen oder fortzusetzen. Die Führungskraft prägt die Einstellung zu Sicherheitsvorgaben im Team. Und die HSE-Fachkraft bestimmt durch ihren täglichen Austausch mit dem Betrieb maßgeblich mit, ob Sicherheit ausschließlich als System von Einschränkungen oder als notwendige Voraussetzung für effizientes Arbeiten wahrgenommen wird.
Deshalb steht bei Nornickel der Mensch und sein Verhalten im Mittelpunkt der Sicherheitskultur. Eine wichtige Erkenntnis dabei war: Die Einstellung der Beschäftigten zur HSE-Funktion beeinflusst direkt deren Fähigkeit, Veränderungen im Betrieb zu bewirken.
Der Begriff „Image“ wird im Kontext der Arbeitssicherheit manchmal als reine Aufgabe der internen Kommunikation verstanden. In der Praxis handelt es sich jedoch um eine weitaus bedeutendere Managementkategorie.
Stellen wir uns zwei Situationen vor. In der ersten wird die HSE-Fachkraft ausschließlich als jemand wahrgenommen, der in den Betrieb kommt, um Verstöße aufzudecken und Schuldige zu suchen. In der zweiten Situation gilt sie als Spezialist, an den man sich mit einem Problem wenden kann, um ein Risiko zu besprechen, fachliche Unterstützung zu erhalten und gemeinsam eine Lösung zu finden.
Die formalen Befugnisse der Fachkraft mögen identisch sein, doch die Art der Zusammenarbeit mit dem Betrieb unterscheidet sich grundlegend.
Wird die Funktion lediglich als Kontrollinstanz wahrgenommen, versuchen die Beschäftigten, den Kontakt auf ein Minimum zu reduzieren. Eine potenziell gefährliche Situation wird dann möglicherweise so lange nicht angesprochen, bis sie zu einem Verstoß oder einem Vorfall führt.
In einem partnerschaftlichen Modell hingegen besteht die Chance, Informationen viel früher zu erhalten – bereits im Stadium von Zweifeln, Unstimmigkeiten, potenziellen Risiken oder unsicheren Arbeitsabläufen.
Bei der Weiterentwicklung des HSE-Images geht es daher nicht darum, die Funktion beliebter zu machen. Vielmehr sollen Bedingungen geschaffen werden, unter denen HSE-Fachkräfte und Produktionsmitarbeitende die Sicherheit wirksamer beeinflussen können.
Historisch gesehen hat sich die Arbeitsschutzfunktion in vielen Industrieunternehmen vor allem als Kontrollinstanz entwickelt. Und die Überwachung der Einhaltung von Vorschriften bleibt auch weiterhin ein unverzichtbarer Bestandteil des Sicherheitssystems.
Wenn sich die Rolle von HSE in der Wahrnehmung der Belegschaft jedoch allein auf die Kontrolle beschränkt, wird die Funktion für den Betrieb zu einer externen Aufsichtsbehörde. Moderne Arbeitssicherheit erfordert dagegen die gemeinsame Gefährdungsermittlung, die Analyse von Betriebsabläufen, die Suche nach Lösungen, den Aufbau sicherer Arbeitsroutinen und die Prävention von Vorfällen.
Deshalb zielt ein Entwicklungsbereich der HSE-Funktion bei Nornickel darauf ab, ihre Wahrnehmung zu verändern – vom „Aufseher“ hin zum Unterstützer und kompetenten Partner der Produktion.
Dabei geht es nicht darum, Ansprüche herunterzuschrauben. Eine HSE-Fachkraft muss verbindliche Vorgaben kontrollieren und auf Verstöße reagieren. Was sich ändert, ist das Rollenverständnis: Es reicht nicht aus, ein Problem nur zu dokumentieren – entscheidend ist, bei der Lösung mitzuwirken.
Seit 2023 holt Nornickel systematisch Feedback darüber ein, wie die HSE-Funktion von Führungskräften und Beschäftigten in den Produktionsbereichen wahrgenommen wird. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in Programme zur Steigerung der Wirksamkeit der Funktion ein.
Dabei war es wichtig, von der pauschalen Frage „Stehen Sie HSE positiv oder negativ gegenüber?“ wegzukommen. Eine solche Antwort lässt sich für fundierte Managemententscheidungen kaum nutzen.
Deshalb wird die Wahrnehmung der Funktion anhand von vier konkreten Faktoren untersucht.
Auf diese Weise wird der abstrakte Begriff des Images in konkrete Handlungsfelder für das Management übersetzt.
Die Einstellung der Produktion gegenüber der Funktion lässt sich nicht allein durch eine Kommunikationskampagne ändern. Wenn man über Partnerschaft spricht, im direkten Kontakt aber ausschließlich ein kontrollierendes Verhalten an den Tag legt, bewirkt man das genaue Gegenteil.
Deshalb beginnt die Arbeit am Image in erster Linie innerhalb der Funktion selbst.
Bei Nornickel wird hierfür ein ganzes Bündel an Initiativen vorangetrieben: die fachliche Weiterentwicklung der HSE-Mitarbeitenden, Praxiseinsätze in der Produktion, das Aufspüren unsicherer Arbeitsabläufe, klare Grundsätze für die Zusammenarbeit mit dem Betrieb, ein Feedback-Mechanismus sowie ein Bewertungssystem für die Funktion.
Es ist von entscheidender Bedeutung, dass jede Fachkraft versteht: Jede Interaktion mit dem Betrieb beeinflusst nicht nur die Lösung eines aktuellen Anliegens, sondern auch die Bereitschaft der Beschäftigten, sich künftig wieder an HSE zu wenden.
Wer eine fundierte Unterstützung erfahren hat, wird beim nächsten Mal mit höherer Wahrscheinlichkeit frühzeitig auf ein Problem hinweisen. Wer statt Hilfe nur eine formale Ermahnung erhalten hat, wird naturgemäß versuchen, den weiteren Kontakt möglichst zu vermeiden.
Somit wird die Gesprächskultur der HSE-Mitarbeitenden selbst zu einem Teil der Sicherheitskultur.
Ein weiteres wichtiges Element ist der Abbau der Distanz zwischen der HSE-Funktion und dem Betrieb.
Sicherheitsvorgaben lassen sich nicht losgelöst vom betrieblichen Kontext wirksam umsetzen. Eine HSE-Fachkraft muss nicht nur die regulatorischen Anforderungen kennen, sondern auch den technologischen Prozess, die realen Arbeitsbedingungen vor Ort, bestehende Einschränkungen und die Ursachen für unsicheres Verhalten verstehen.
Genau aus diesem Grund gehören Praxiseinsätze in der Produktion zu den Instrumenten der Personalentwicklung.
Ihr Ziel ist nicht nur die Erweiterung des technischen Wissens. Je besser eine Fachkraft die reale Arbeit in der Produktion versteht, desto eher wird ihre Entscheidung als fachkundig und praxisnah akzeptiert.
Die Autorität der Funktion entsteht nicht allein durch dokumentierte Befugnisse, sondern durch die Fähigkeit, betriebliche Probleme zu durchdringen und Lösungen vorzuschlagen, die sowohl die Sicherheit gewährleisten als auch die Erfüllung der Produktionsaufgabe ermöglichen.
Besondere Bedeutung kommt der Möglichkeit für die Beschäftigten zu, die Zusammenarbeit mit den HSE-Mitarbeitenden zu bewerten.
Im Unternehmen wird ein Bewertungssystem für die Funktion ausgebaut, über das direktes Feedback aus der Produktion eingeholt wird. Dem Managementteam eröffnet dies die Chance, Dinge zu erkennen, die über die klassische Führungslinie nur schwer sichtbar werden.
Eine Führungskraft mag das Fachwissen eines Mitarbeiters hoch einschätzen, während die Belegschaft vor Ort möglicherweise Schwierigkeiten bei der Kommunikation, der Erreichbarkeit oder der Qualität der Rückmeldungen erlebt.
Darüber hinaus verändert sich die Logik der Beziehung selbst. Die HSE-Fachkraft ist nicht mehr ausschließlich diejenige, die andere bewertet. Auch die Produktion erhält die Möglichkeit, die Arbeitsqualität der Funktion zu beurteilen.
Bei der Arbeit am Image darf das eigentliche Ziel nicht aus den Augen verloren werden.
Die Aufgabe von HSE besteht nicht darin, um jeden Preis Bestnoten zu erhalten. Eine fachlich gebotene Sicherheitsentscheidung schränkt den Betrieb mitunter objektiv ein. Eine Fachkraft kann verpflichtet sein, Arbeiten zu stoppen oder eine Position zu vertreten, die für Mitarbeitende oder Vorgesetzte unbequem ist.
Ein positives Image bedeutet daher nicht Konfliktfreiheit.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Verstehen die Beschäftigten die Gründe für die getroffene Entscheidung, halten sie die HSE-Fachkraft für kompetent und konsequent, erkennen sie den praktischen Nutzen ihres Handelns und sind sie bereit, sich erneut an sie zu wenden?
Für die Funktion kommt es darauf an, die Balance zwischen Partnerschaft und fachlicher Konsequenz zu wahren.
Die Weiterentwicklung des Images der Funktion existiert nicht losgelöst von der allgemeinen Arbeit an der Sicherheitskultur.
Auf dem Weg zu einer reiferen Sicherheitskultur reicht es nicht aus, dass HSE-Fachkräfte ihre Aufgaben fachgerecht erfüllen. Es ist ebenso notwendig, dass die Beschäftigten selbst bereit sind, Risiken zu melden, unsichere Arbeiten abzulehnen, potenzielle Probleme anzusprechen und an deren Behebung mitzuwirken.
Dafür braucht es Vertrauen in die Zusammenarbeit.
Die Beschäftigten müssen sicher sein können, dass die Meldung eines Problems nicht in erster Linie zur Suche nach einem Schuldigen führt, sondern vor allem zur Suche nach einer Lösung.
Genau an diesem Punkt hört das Image auf, ein reines Kommunikationsthema zu sein, und wird zu einem Faktor der Sicherheitskultur.
Ab einem gewissen Reifegrad des Sicherheitssystems stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wo stoßen Kontrollen an ihre Grenzen?
Es ist unmöglich, neben jede Arbeitskraft eine HSE-Fachkraft zu stellen und jeden einzelnen Handgriff zu überwachen. Ein ausgereiftes System muss Bedingungen schaffen, unter denen sichere Entscheidungen auch dann getroffen werden, wenn keine Aufsichtsperson in der Nähe ist.
Deshalb erweitert sich die Rolle der Funktion. Sie muss nicht nur die Einhaltung von Vorgaben kontrollieren, sondern auch das Umfeld beeinflussen, in dem der Mensch Entscheidungen trifft: über die Führungskräfte, Schulungen, die Prozessgestaltung, Motivation, das eigene Vorbild und die Qualität des täglichen Miteinanders.
Und genau hier hängt das Image unmittelbar mit der Wirkungskraft der Funktion zusammen.
Man kann über weitreichende formale Befugnisse verfügen und dennoch nur begrenzten Einfluss haben. Umgekehrt ermöglichen Fachkompetenz, Konsequenz und Vertrauen, auf Situationen einzuwirken, lange bevor disziplinarische oder administrative Mittel eingesetzt werden müssen.
Die Erfahrungen von Nornickel zeigen, dass es sinnvoll ist, das Image der HSE-Funktion nicht als Kommunikations- oder Reputationsaufgabe zu betrachten, sondern als ein wirksames Steuerungsinstrument für die Arbeitssicherheit.
Das Ziel besteht nicht darin, dass die Funktion bei den Beschäftigten beliebt ist. Entscheidend ist, dass die HSE-Mitarbeitenden für den Betrieb verständlich, erreichbar, kompetent und hilfreich sind; dass die Belegschaft den Zusammenhang zwischen deren Handeln und einer realen Verbesserung der Sicherheit erkennt; und dass der Austausch beginnt, bevor aus einem potenziellen Problem ein Vorfall wird.
Dafür müssen gleichzeitig die fachlichen Kompetenzen der HSE-Mitarbeitenden, ihr Verständnis für die Produktion, die Kommunikationsqualität, die Regeln der Zusammenarbeit mit den Beschäftigten, die Feedback-Mechanismen sowie die Fähigkeit, erkannte Probleme konsequent einer Lösung zuzuführen, weiterentwickelt werden.
Dann verändert sich die Rolle der Funktion selbst. Sie bleibt dort konsequent, wo die Sicherheit es erfordert, wird aber nicht mehr ausschließlich als Überwachungssystem wahrgenommen. HSE wird zum Partner der Produktion und zu einem Kompetenzzentrum, das Führungskräfte und Beschäftigte dabei unterstützt, Risiken zu erkennen und zu beseitigen.
Genau dieses Modell der Zusammenarbeit schafft die Voraussetzungen dafür, dass Sicherheit zu einer gemeinsamen Aufgabe von HSE-Funktion, Führungskräften und Produktionsmitarbeitenden wird.