Das Fremdfirmenmanagement bleibt traditionell einer der komplexesten Verantwortungsbereiche im HSE-Sektor. Im Gegensatz zum eigenen Personal, bei dem Unternehmenskultur und Sicherheitsstandards über Jahre hinweg aufgebaut werden, wechseln Auftragnehmer regelmäßig und bringen unterschiedliche Ausbildungsniveaus und Risikoeinstellungen mit. In diesem Webinar teilt Tatiana Borisova, Leiterin für HSE und Business Continuity bei Novartis in Russland, der GUS sowie Mittel- und Osteuropa, ihre praktischen Erfahrungen bei der Integration von Fremdfirmen in das einheitliche Sicherheitssystem eines großen internationalen Unternehmens.
Die Referentin erläutert einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem Sicherheit lange vor dem Betreten der Baustelle durch die Arbeiter beginnt und nicht mit einer formellen Unterweisung endet. Im Mittelpunkt dieses Systems steht das Prinzip der Gleichbehandlung: Für das Unternehmen gibt es keinen Unterschied zwischen einem eigenen Mitarbeiter und dem Mitarbeiter einer Fremdfirma, wenn es um den Schutz von Leben und Gesundheit geht.
Der Vortrag beleuchtet detailliert den Algorithmus für die Zusammenarbeit mit Auftragnehmern, der aus vier Schlüsselphasen besteht. Dieser strukturierte Ansatz ermöglicht es, unzuverlässige Unternehmen bereits im Vorfeld auszusortieren und diejenigen systematisch weiterzuentwickeln, die bereit sind, hohe Standards zu erfüllen.
Die Sicherheitsbewertung beginnt bereits in der Phase der Ausschreibungserstellung. Vertreter der HSE-Abteilung beteiligen sich an der Ausarbeitung der Anforderungen, während potenzielle Lieferanten detaillierte Fragebögen ausfüllen und entsprechende Nachweise erbringen. Auf Grundlage dieser Informationen wird ein Ranking erstellt:
Die Referentin zeigt an einem Beispiel, wie ein Unternehmen aus der „gelb-roten“ Zone durch jahrelange, zielgerichtete Arbeit sein HSE-System transformieren konnte, schließlich die Ausschreibung gewann und in die „grüne“ Kategorie aufstieg. Dies beweist, dass strenge, aber transparente Anforderungen des Auftraggebers die Entwicklung des Dienstleistungsmarktes fördern.
Nach der Vertragsunterzeichnung, in der die HSE-Anforderungen strikt festgelegt sind, beginnt der Einarbeitungsprozess. Anstelle einer standardisierten Erstunterweisung wird ein modulares Schulungssystem angewendet. Das Programm wird individuell auf die spezifischen Arbeiten zugeschnitten: Landschaftsgärtner werden nicht über Arbeiten in der Höhe belehrt, erhalten aber zwingend Schulungen zu Umweltstandards und Mülltrennung. Für Produktionsmitarbeiter werden spezielle Schulungen nach GMP-Standards (Gute Herstellungspraxis) durchgeführt.
Ein obligatorischer Schritt ist die gemeinsame Erstellung einer Risikobewertung für jede Art von Arbeit. Dies ermöglicht es, das Verständnis für Gefahren zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer vor Beginn der eigentlichen Tätigkeit zu synchronisieren.
Das Sicherheitsmanagement während der Arbeit umfasst tägliche gemeinsame Rundgänge (Safety Walks) unter Beteiligung der Führungskräfte der Fremdfirmen. Die Arbeitsleistung wird anhand eines im Vertrag festgelegten KPI-Systems bewertet. Zu den wichtigsten Kennzahlen gehören:
Es ist wichtig zu betonen, dass die Erfüllung dieser KPIs direkten Einfluss auf die finanzielle Motivation des Auftragnehmers hat. Es gilt das Prinzip der kollektiven Verantwortung: Schwere Verstöße können zu einer Kürzung der Bonuszahlungen für die gesamte Fremdfirma führen, was das Management dazu anspornt, die Einhaltung der Regeln vor Ort streng zu kontrollieren.
Das System ist nicht statisch. Jährlich wird ein internes Audit der Auftragnehmer durchgeführt und deren Leistung neu bewertet. Für langfristige Verträge (über 3 Jahre) ist ein erneutes Ausschreibungsverfahren vorgesehen, was verhindert, dass sich Auftragnehmer auf ihren Lorbeeren ausruhen, und sie zur kontinuierlichen Verbesserung motiviert.
Besonderes Augenmerk wird im Vortrag auf die psychologischen Aspekte der Personalarbeit gelegt. Traditionelle Frontalunterweisungen gelten aufgrund der schnell nachlassenden Aufmerksamkeit der Zuhörer als ineffektiv. Stattdessen werden interaktive Formate eingeführt:
Dieser Ansatz erhöht das Engagement des Personals erheblich und führt zu einem Anstieg der Meldungen über potenzielle Gefahren (Near-Misses), da die Mitarbeiter Risiken besser erkennen und keine Angst haben, diese zu melden.
Anstelle eines Bestrafungssystems setzt das Unternehmen auf Belohnung und Offenheit. Auftragnehmer nehmen gleichberechtigt mit den eigenen Mitarbeitern an unternehmensinternen Sicherheitswettbewerben teil und erhalten wertvolle Preise für Leistungen im HSE-Bereich. Das Hauptziel besteht nicht darin, Fehler zu bestrafen, sondern die Grundursache zu ermitteln und eine Wiederholung des Vorfalls zu verhindern. Ein offener Dialog ermöglicht es den Fremdfirmen, dem Auftraggeber Feedback zu geben und auf mögliche Verbesserungen in den Prozessen des Unternehmens selbst hinzuweisen.
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