Lange Zeit galt die Anzahl der unfallfreien Tage als Hauptindikator für erfolgreiche Arbeit im Bereich Arbeitsschutz. Das Ausbleiben von Unfällen bedeutet jedoch nicht immer, dass Sicherheit wirklich vorhanden ist. Die Fixierung auf «Null Unfälle» führt oft zu einer Illusion des Wohlbefindens und einem formalen Ansatz zur Risikobewertung. In seinem Vortrag analysiert Artem Jazenko, Leiter der HSE-Abteilung bei Ursa Eurasia, den Übergang von reaktiver Kontrolle zu proaktivem Management durch das Unternehmensprogramm Total Safety Leadership.
Das Hauptproblem, mit dem Produktionsstätten konfrontiert sind, ist das mangelnde Verständnis der Linienmanager für ihre Rolle bei der Schaffung einer sicheren Umgebung. Technische Fachkräfte betrachten den Arbeitsschutz oft als Verantwortungsbereich des jeweiligen Spezialisten und übersehen dabei, dass ihr tägliches Verhalten und ihr persönliches Beispiel die Kultur vor Ort prägen.
Besondere Aufmerksamkeit wird im Vortrag dem Problem der subjektiven Gefahrenbewertung gewidmet. Auf der Grundlage begrenzter Informationen neigen Menschen dazu, Risiken falsch einzustufen. Der Sprecher führt ein anschauliches Beispiel an: Die Angst vor einem Haiangriff ist statistisch gesehen unbegründet im Vergleich zur realen Gefahr durch herabfallende Kokosnüsse am Strand. Genauso ist es in der Produktion: Gewohnte Routinearbeiten bergen oft mehr versteckte Gefahren als komplexe, aber streng reglementierte Arbeiten.
Genau aus diesem Grund erfordert das Führungsprogramm die ständige Präsenz der Führungskräfte «im Feld». Die tägliche Analyse der Arbeitsplätze ermöglicht es, kritische Risiken im Zusammenhang mit der Verriegelung von Anlagen (LOTO), Arbeiten in der Höhe und Maschinensicherheit zu erkennen, bevor sie zu einem Vorfall führen.
Um die Denkweise der Führungskräfte zu ändern, zeigt der Sprecher am Beispiel der Einführung eines Trainings, wie die Kommunikation umgestaltet werden kann. Eines der Grundelemente wurden «Sicherheitsmomente» (Safety Talks) – kurze, sachbezogene Gespräche vor Beginn jeder Aufgabe. Dies ermöglicht es, nicht nur eine Arbeitserlaubnis auszustellen, sondern das Team auch dazu zu bringen, über Ergonomie und versteckte Gefahren nachzudenken.
Um technischen Fachkräften zu helfen, denen es schwerfällt, einen Dialog über Sicherheit zu beginnen, wurden spezielle Karten mit offenen Fragen entwickelt. Sie decken 10 Schlüsselthemen ab und enthalten Formulierungen wie: «Welche einfache Maßnahme können wir heute ergreifen, um die Sicherheit an Ihrem Arbeitsplatz zu verbessern?». Dies baut Kommunikationsbarrieren ab und verlagert den Fokus von der Aufsicht auf die Partnerschaft.
Die Einführung des Führungsprogramms wirkte sich direkt auf die Qualität der verhaltensbasierten Sicherheitsaudits aus. Während Formulare früher oft nur pro forma ausgefüllt wurden, um kleine alltägliche Verstöße festzuhalten, verlagerte sich der Fokus nach der Schulung auf den Dialog mit dem Mitarbeiter und die Identifizierung systemischer Probleme.
Der Sprecher geht detailliert auf die Ergebnisse dieser Transformation ein: Die durchschnittliche Anzahl qualitativ hochwertiger Audits ist um ein Vielfaches gestiegen, und die Schichtleiter haben begonnen, unsichere Arbeiten selbstständig zu stoppen, ohne auf eine Inspektion durch die HSE-Abteilung zu warten. Die Mitarbeiter begannen, aktiver Initiativen zur Verbesserung der Ergonomie vorzuschlagen, da sie verstanden, dass ihre Ideen tatsächlich umgesetzt werden.
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