An der Basis der Heinrich-Pyramide steht unsicheres Verhalten. Der traditionelle Ansatz im Arbeitsschutz (Safety-1) konzentriert sich auf eingetretene Vorfälle und Verletzungen, die nur etwa 3,5 % aller unerwünschten Ereignisse in der Produktion ausmachen. Die restlichen 93 % sind routinemäßige Abweichungen und Mikroverstöße, die oft außerhalb des Blickfelds der Spezialisten bleiben. Der Übergang zum Safety-2-Konzept beinhaltet das Management genau dieser Masse an alltäglichen Risiken. Im Rahmen des Webinars erläutert Stanislav Vodyanitsky, HSE-Manager bei Unilever, wie die Methodik des World Class Manufacturing (WCM) dabei hilft, die Anzahl gefährlicher Handlungen und Bedingungen systematisch zu reduzieren.
Zur effektiven Beseitigung von Risiken ist es notwendig, klar zwischen unbeabsichtigten menschlichen Fehlern und bewussten Verstößen gegen HSE-Anforderungen zu unterscheiden. Der Referent zeigt anhand von Produktionsstatistiken, dass die überwiegende Mehrheit der Abweichungen routinemäßige und situative Verstöße sowie banale Vergesslichkeit sind. Fehler können aufgrund früherer Erfahrungen (wenn die Anforderungen am vorherigen Arbeitsplatz geringer waren) oder mangelnder Schulung entstehen. Bewusste Verstöße werden hingegen oft durch die Unbequemlichkeit sicherer Arbeitsmethoden oder externe Faktoren, wie die Ablenkung durch einen Telefonanruf, provoziert.
In der Präsentation werden 15 Gegenmaßnahmen zur Vermeidung unsicheren Verhaltens detailliert betrachtet, unterteilt in Fehlerschutz (Error-proof) und Schutz vor bewussten Verstößen (Full-proof). Das Schlüsselprinzip besteht darin, die sichere Ausführung einer Aufgabe zur einzig möglichen zu machen.
Ein wesentlicher Teil der Verhaltensarbeit basiert auf der Organisation des Arbeitsplatzes. Die Einführung der 5T-Prinzipien (feste Wege, feste Plätze, Standardvisualisierung, feste Menge und Farbstandardisierung) ermöglicht es, die kognitive Belastung des Personals zu minimieren. Wenn jede Handlung und jeder Aufbewahrungsort intuitiv verständlich sind, sinkt die Fehlerwahrscheinlichkeit drastisch. Die Visualisierung von Risiken und Verantwortungsbereichen macht den HSE-Managementprozess für jeden Schichtmitarbeiter transparent.
Ingenieurtechnische Barrieren können nicht 100 % der Produktionssituationen abdecken, daher bleibt die Entwicklung einer Sicherheitskultur von entscheidender Bedeutung. Der Übergang von einem kalkulativen Ansatz (bei dem Risiken lediglich bewertet werden) zu einem proaktiven und generativen Ansatz erfordert die Einbeziehung der Mitarbeiter selbst in den Prozess der Lösungsfindung. Die Praxis zeigt, dass Mitarbeiter Regeln eher einhalten, wenn sie selbst an der Entwicklung von Schutzmaßnahmen beteiligt waren. Dabei ist es wichtig, destruktive Motivationsmethoden zu vermeiden – wie zum Beispiel die Auszahlung von Prämien für Verletzungsfreiheit, was unweigerlich zur Verheimlichung von Vorfällen führt.
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