System zum Umgang mit potenziell gefährlichen Situationen

Fallstudie
21 Januar 2025 🇷🇺 Originalsprache: русский

Von Papierformularen zur Sicherheitskultur: Die Evolution des Umgangs mit potenziell gefährlichen Situationen

Der Aufbau eines effektiven Systems zur Erkennung und Beseitigung potenziell gefährlicher Situationen (Near Miss) ist ein natürlicher Schritt in der Entwicklung der Sicherheitskultur in jedem Produktionsunternehmen. Der Übergang von der Erfassung eingetretener Verletzungen zur proaktiven Arbeit mit den Vorbedingungen ermöglicht es nicht nur, die Anzahl der Vorfälle zu reduzieren, sondern auch das Personal in den Risikomanagementprozess einzubeziehen. In ihrem Vortrag teilt Veronika Ulyanova, HSE-Managerin im Knauf Insulation Werk in Tjumen, praktische Erfahrungen bei der Einführung eines solchen Systems in einem Unternehmen mit 129 Mitarbeitern.

Die Referentin betrachtet detailliert den Weg des Werks von den ersten Schritten im Jahr 2015 bis zum Erreichen eines beeindruckenden Ergebnisses — mehr als 1800 Tage ohne Verletzungen. Die Grundlage dieses Erfolgs ist die systematische Arbeit mit der Basis der „Heinrich-Pyramide“ — gefährlichen Bedingungen und Handlungen.

Mechanik des Systems: Von der Erkennung bis zur Beseitigung

Das Verfahren zum Umgang mit potenziell gefährlichen Situationen, das die Referentin als „Near Miss“ bezeichnet, basiert auf einem klaren Handlungsalgorithmus für jeden Mitarbeiter. Das Schlüsselprinzip besteht nicht nur darin, ein Problem zu melden, sondern auch erste Schritte zu dessen Minimierung zu unternehmen.

  • Sofortige Maßnahmen: Wenn ein Mitarbeiter eine gefährliche Situation entdeckt, ist er in erster Linie verpflichtet, die Gefahr zu kennzeichnen, abzusperren oder, wenn dies in seiner Kompetenz liegt, zu beseitigen. Dies schafft Verantwortung vor Ort und verhindert die Entwicklung eines Vorfalls im Moment.
  • Mehrstufige Information: Es wird ein System von Papierformularen (drei selbstdurchschreibende Blätter in verschiedenen Farben) verwendet. Der Mitarbeiter füllt das Formular aus, beschreibt das Problem und die ergriffenen Maßnahmen und übergibt es dem Vorgesetzten.
  • Bewertung und Delegierung: Der Vorgesetzte bewertet die Gefahr und die Angemessenheit der ergriffenen Maßnahmen. Bei Bedarf zieht er angrenzende Abteilungen zur endgültigen Beseitigung des Problems hinzu und übergibt ihnen einen Teil des Formulars.
  • Kontrolle und Feedback: Nach der Beseitigung berichtet der Ausführende dem Vorgesetzten, der wiederum den Mitarbeiter informiert. Die HSE-Abteilung registriert den Sachverhalt und überwacht die Fristen.

Überwindung von Barrieren: Betriebsblindheit und Formalismus

Die Einführung jedes neuen Systems stößt unweigerlich auf Widerstand und objektive Schwierigkeiten. Im Vortrag werden die wichtigsten Barrieren, mit denen das Unternehmen konfrontiert war, detailliert analysiert.

  • „Betriebsblindheit“: Die Mitarbeiter gewöhnen sich an die Umgebung und bemerken routinemäßige Gefahren nicht mehr. Die Lösung bestand in regelmäßigen Schulungen und der Durchführung von Sicherheitsdialogen.
  • Unwillen zu „petzen“: Eine psychologische Barriere, aufgrund derer Mitarbeiter nur ungern gefährliche Handlungen von Kollegen melden. Infolgedessen verschiebt sich die Statistik in Richtung der Erfassung gefährlicher Bedingungen (Defekte an Ausrüstung, Infrastruktur).
  • Konflikt mit Produktions-KPIs: Die Befürchtung, dass das Stoppen des Prozesses zur Beseitigung eines Risikos sich negativ auf die Produktionskennzahlen auswirkt.
  • Formaler Ansatz: Aufgrund der hohen Arbeitsbelastung können verantwortliche Ausführende Meldungen schließen, ohne das Problem wirklich zu beseitigen. Um dies zu bekämpfen, wurden eine mehrstufige Kontrolle und regelmäßige Besprechungen zur Analyse ungelöster Risiken eingeführt.

Motivation und Einbindung: Wie man das System zum Laufen bringt

Die Referentin zeigt an einem Beispiel, dass es nicht ausreicht, einfach quantitative KPIs festzulegen (z. B. „mindestens 6 Meldungen pro Jahr von jedem“). Ein solcher Ansatz kann zu einer geringeren Einbindung des operativen Personals führen, da Ingenieure (technisches Führungspersonal) die Norm schneller erfüllen, indem sie komplexere Risiken identifizieren.

Um dieses Problem zu lösen, hat das Unternehmen die Ziele getrennt: Für die Arbeiter blieben quantitative KPIs zur Erkennung bestehen, während sich das technische Führungspersonal auf die Beseitigung von Problemen und die Durchführung von Sicherheitsdialogen konzentrierte. Zusätzlich wurde ein System der materiellen Motivation eingeführt: die monatliche Auswahl der besten Meldung durch eine Kommission und eine jährliche Lotterie unter allen eingereichten Signalen mit wertvollen Preisen.

Was Sie aus diesem Webinar lernen werden:

  • Wie baut man einen funktionierenden Algorithmus zur Erfassung und Beseitigung von Near Misses in einem kleinen Unternehmen auf?
  • Warum können quantitative KPIs zur Risikoerkennung die Einbindung der Arbeiter verringern und wie kann man dies vermeiden?
  • Wie überwindet man die psychologische Barriere von Mitarbeitern, die gefährliche Handlungen von Kollegen nicht melden wollen?
  • Welche Methoden der materiellen und immateriellen Motivation funktionieren wirklich, um die Einreichung von Meldungen zu stimulieren?
  • Wie organisiert man die Kontrolle über die Beseitigung identifizierter Risiken und vermeidet das formale Schließen von Anträgen?
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