Erinnern Sie sich an die Unfallpyramide von Herbert Heinrich? Sie beschreibt das Verhältnis zwischen der Anzahl unsicherer Handlungen und der Anzahl von Verletzungen unterschiedlicher Schweregrade bis hin zum Todesfall. Die Basis der Pyramide bilden unzählige unsichere Handlungen, die wir sowohl am Arbeitsplatz als auch im Alltag oft unbewusst begehen.
Warum begehen Mitarbeiter in der Produktion unsichere Handlungen? Forscher unterscheiden vier Gruppen von Ursachen:
A. Inkompetenz oder „Kann nicht“ – das bedeutet, dass der Mitarbeiter nicht über das für die jeweilige Arbeit erforderliche Wissen verfügt; er hat die entsprechenden Fertigkeiten, Methoden, Techniken oder Verfahren nicht erlernt. Hierbei handelt es sich um Fehler – unbeabsichtigte Verstöße aufgrund von Unkenntnis der Arbeitsabläufe, Unfähigkeit zur korrekten Diagnose auftretender Störungen und Gefahrensituationen oder fehlender automatisierter Fertigkeiten und Handlungen in Gefahrenmomenten.
B. Motivation oder „Will nicht“ – das heißt, der Mitarbeiter ist in der Lage, die Arbeit (den Arbeitsschritt) qualitativ hochwertig und sicher auszuführen, hat jedoch keinen Wunsch, die Sicherheitsanforderungen einzuhalten. Mit anderen Worten: Es fehlt die Motivation, und die psychologische Einstellung zur Einhaltung dieser Anforderungen ist nicht entwickelt. Ein Mitarbeiter kann dies aus Gründen der Kraftersparnis tun, weil er an die Gefahr gewöhnt ist, gefährliche Geräte nicht als solche wahrnimmt oder aufgrund von Straffreiheit und einer negativen Einstellung zur Sicherheit im Team (um nicht aufzufallen). Hierzu gehören auch Risikoneigung und die Überschätzung der eigenen Erfahrung.
C. Zustand oder „Ist nicht in der Lage“ – das bedeutet, dass sich der Mitarbeiter in einem physischen oder psychischen Zustand befindet, der ihn trotz Können und Wollen eine unsichere Handlung begehen lässt.
D. Umfeld oder „Nicht ausgestattet“ – Der Mitarbeiter führt die vorgeschriebene Handlung nicht aus, weil ihm die für sicheres Arbeiten erforderlichen Werkzeuge, PSA, Materialien, Geräte, Informationen usw. nicht zur Verfügung gestellt wurden.
Die ersten drei Ursachengruppen (A, B, C) sind durch individuelle und persönliche Merkmale (Eigenschaften) des Mitarbeiters bedingt. Diese Ursachen bezeichnen wir üblicherweise als den menschlichen Faktor. Die vierte Ursachengruppe (D) ist ein für den Mitarbeiter externer Faktor, mit anderen Worten – das Arbeitsumfeld, in dem die Tätigkeit des Mitarbeiters stattfindet.
Wenden wir uns nun dem Begriff „sicheres Arbeiten“ zu. Sicheres Arbeiten ist eine Tätigkeit, bei der sichere Arbeitsbedingungen gewährleistet sind, der Mitarbeiter sowohl bei der Ausführung von Arbeitsvorgängen als auch beim Auftreten von Gefahrensituationen zweckmäßig und sicher handelt und der physische sowie psychische Zustand des Mitarbeiters der Norm entspricht.
Wir haben vier Gruppen von Ursachen für unsicheres Handeln von Mitarbeitern betrachtet:
1) kann nicht; 2) will nicht; 3) ist nicht in der Lage; 4) ist nicht ausgestattet.
Es ist offensichtlich, dass diese Ursachen für ein sicheres Arbeiten beseitigt werden müssen. Dann lässt sich die Formel der notwendigen und hinreichenden Bedingungen für das sichere Arbeiten eines Mitarbeiters wie folgt darstellen:
Sicheres Arbeiten des Mitarbeiters = Können + Wollen + Vermögen + Ausstattung.
Das heißt: Er verfügt über Fachwissen und beherrscht die dem Beruf (der Position, der ausgeführten Arbeit) entsprechenden Fertigkeiten, Methoden, Techniken und Verfahren. Er hat eine psychologische Einstellung zur Erfüllung der Sicherheitsanforderungen entwickelt und eine positive Motivation aufgebaut (ich tue dies, um meine Gesundheit und mein Leben zu erhalten). Er ist physisch fähig und psychisch in der Lage. Er ist ausgestattet, was bedeutet, dass die sanitär-hygienischen und materiell-technischen Arbeitsbedingungen den Anforderungen des Arbeitsschutzes entsprechen.
An jeder der betrachteten Ursachen für unsicheres Handeln kann und muss gearbeitet werden. Um zu verstehen, wie das Verhalten geändert werden kann, muss man auf bestimmte Weise (durch Dialoge, Schulungen, Kommunikation) die Ursache des unsicheren Verhaltens beeinflussen.
Zum Beispiel so:
| Kann nicht | Wissen und Fertigkeiten vermitteln |
| trainieren | |
| einarbeiten | |
| unterweisen | |
| Verhalten prüfen, kontrollieren (VBA) | |
| Will nicht | Verhalten prüfen, kontrollieren (VBA) |
| „richtige“ Einstellungen zum Arbeitsschutz bilden | |
| stimulieren | |
| motivieren | |
| Risikoneigung untersuchen | |
| Ist nicht in der Lage | Prädisposition für unsicheres Handeln untersuchen |
| medizinische Untersuchungen durchführen | |
| heilpräventive und rehabilitative Maßnahmen durchführen | |
| Nicht ausgestattet | notwendige Werkzeuge und Ausrüstung bereitstellen |
| notwendige Gestaltung des Arbeitsplatzes organisieren (gemäß Anforderungen) | |
| Informationsflüsse optimieren, Informationen über Arbeitsgefahren bereitstellen usw. |
Dabei ist es wichtig, die Ursachengruppe korrekt zu identifizieren, aufgrund derer ein bestimmter Mitarbeiter systematisch unsichere Handlungen begeht. Und die Bemühungen auf die Beseitigung dieser Ursache zu richten. Wenn wir von systemischen unsicheren Handlungen sprechen (z. B. in einer Struktureinheit), analysieren wir zunächst, was die Ursache für die wiederholten unsicheren Handlungen bei einer Gruppe von Mitarbeitern ist, und arbeiten gezielt und komplex an dieser Ursache.