Moderne Industrieunternehmen stehen vor komplexen Herausforderungen: Fachkräftemangel, veränderte Lieferketten, wachsender technologischer Rückstand bei Reparaturen und ein starker Anstieg des Anteils von Auftragnehmern. Unter diesen Bedingungen kann sich die Arbeitsschutzfunktion nicht mehr isoliert von den Produktionsaufgaben entwickeln. Versuche, die Sicherheit losgelöst von der betrieblichen Effizienz zu forcieren, führen unweigerlich zu Interessenkonflikten vor Ort. In seinem Vortrag geht Alexander Djakonow detailliert auf die Erfahrungen von „Metalloinvest“ bei der Synchronisierung von HSE- und Produktionsstrategien ein, wobei das Unternehmen selbst als Hauptauftraggeber für Veränderungen auftritt.
Der Übergang von einer reaktiven zu einer systematischen Ebene der Sicherheitskultur, der durch Bewertungen in den Jahren 2019 und 2024 bestätigt wurde, erforderte eine umfassende Umstrukturierung der Prozesse. Das Grundelement war die Schulung von mehr als 30.000 Mitarbeitern, wobei der Schwerpunkt nicht nur auf der Vermittlung von Regeln lag, sondern auf der Schaffung einer „Führungsnorm“ – der Schulung von Führungskräften in Mentoring-Fähigkeiten und der Weitergabe sicherer Praktiken an ihre Untergebenen.
Die wichtigste Erkenntnis des Webinars liegt in einem funktionsübergreifenden Ansatz zur Sicherheit. Die Geschäftsführer der Werke wurden zu vollwertigen Auftraggebern von Projekten zur Senkung der Unfallzahlen, was es ermöglichte, die Umsetzung von Roadmaps für die Top-5-Risiken direkt in ihre KPIs aufzunehmen. Der Referent zeigt am Beispiel der Untersuchung von Vorfällen, wie HSE-Instrumente der Produktion direkten Nutzen bringen können. Insbesondere wird die Methodik der Ursachenanalyse, die traditionell zur Untersuchung von Unfällen eingesetzt wird, nun gemeinsam mit den Produktionsmitarbeitern zur Analyse der Ursachen von Anlagenstillständen verwendet. Dies verwischt die Grenze zwischen „Sicherheit“ und „Effizienz“.
Zusätzlich werden Elemente der prädiktiven Analytik implementiert: Daten aus der Anlagenüberwachung und Signale von Steuerungssystemen werden genutzt, um potenzielle Vorfälle vorherzusagen, bevor sie in eine kritische Phase übergehen.
Die systematische Arbeit mit Risiken wurde von einer formalen auf eine praktische Ebene verlagert. In den Werken wurden mehr als 56.000 Risiken identifiziert, von denen über 240 als tödlich eingestuft wurden. Die Umsetzung von Ausgleichsmaßnahmen ermöglichte es, 210 kritische Bedrohungen vollständig zu beseitigen. Der Hauptindikator für die Reife der Kultur war jedoch die Einführung des Instruments zum Stoppen unsicherer Arbeiten.
Der Referent analysiert die Mechanik dieses Prozesses: Die Initiative geht vom Ausführenden der Arbeit selbst aus (z. B. bei Ausfall der Klimaanlage in der Krankabine). Der wichtigste Erfolgsfaktor ist hier die Reaktion des Managements – anstatt Sanktionen für Ausfallzeiten zu verhängen, wird eine schnelle Behebung des Problems oder die Einführung von Ausgleichsmaßnahmen organisiert, woraufhin die Arbeit sicher wieder aufgenommen wird. Es wurden bereits mehr als 60 solcher Stopps registriert, die von Linienmanagern akzeptiert wurden, was von einem hohen Maß an Vertrauen zeugt.
Der Anstieg der Zahl der Auftragnehmer um mehr als 60 % im Reparatur- und Investitionsbereich schuf das Risiko einer Verwässerung der Sicherheitsstandards. Um dieses Problem zu lösen, wendet das Unternehmen nicht nur ein Rating an, sondern integriert die Auftragnehmer physisch in sein Risikomanagementsystem. Die Praktiken der Durchführung von Audits anhand von Checklisten und die Arbeit von Sicherheitskomitees, die drei Jahre lang in internen Abteilungen erprobt wurden, werden nun direkt auf wichtige Auftragnehmer übertragen und passen deren Kultur an die Anforderungen des Auftraggebers an.
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