Von der Routine zur Achtsamkeit: Warum Sicherheitsregeln aufhören zu wirken
Selbst in großen internationalen Unternehmen mit einem etablierten HSE-System tritt ein Problem auf: Die Regeln existieren, aber die Mitarbeiter achten nicht mehr darauf. Das Gehirn gewöhnt sich an die Routine, und tägliche Abläufe werden „automatisch“ ausgeführt. Maxim Ivanov, Direktor der Abteilung für Arbeitsschutz, industrielle Sicherheit und Umweltschutz (HSE) bei Total Vostok LLC (TotalEnergies-Gruppe), analysiert dieses Problem anhand einer internen Unternehmensstudie. Die Umfrage ergab, dass 20 % der Mitarbeiter das Unternehmensziel „Null Todesfälle“ nicht kannten und 50 % der Arbeiten nicht täglich auf die Einhaltung der Sicherheitsregeln kontrolliert wurden. Um die Situation zu ändern, führte das Unternehmen drei praktische Initiativen ein, die darauf abzielen, das Bewusstsein und das Engagement des Personals zu erhöhen.
Initiative 1: „Grünes Licht für Sicherheit“
Das erste Instrument, das in der Präsentation detailliert betrachtet wird, ist das Verfahren „Grünes Licht für Sicherheit“. Es wird unmittelbar vor Beginn der Arbeiten angewendet und dauert nicht länger als fünf Minuten. Der Kern besteht darin, dass die verantwortliche Führungskraft den Ausführenden vier offene Fragen zur anstehenden Aufgabe und den verwendeten Werkzeugen stellt.
- Ausbruch aus der Routine: Offene Fragen zwingen die Mitarbeiter dazu, nachzudenken und ihre Handlungen zu besprechen, was die Wachsamkeit erhöht.
- Integration in den Prozess: Das Verfahren kann als eigenständige Maßnahme durchgeführt werden oder Teil der Unterweisung (Toolbox Talk) bei der Ausstellung einer Arbeitsfreigabe sein.
- Recht auf Stopp: Wenn die Antworten ein mangelndes Verständnis des Prozesses oder der Risiken zeigen, beginnen die Arbeiten nicht (es wird „rotes Licht“ gegeben), bis die Situation vollständig geklärt ist.
Initiative 2: Gemeinsame HSE-Rundgänge
Der zweite Ansatz ist die Durchführung gemeinsamer Rundgänge auf den Produktionsstätten unter Beteiligung von Unternehmensmitarbeitern, Auftragnehmern und dem Top-Management. Der Sprecher betont, dass 84 % der Unfälle in der Gruppe bei Mitarbeitern von Auftragnehmern passieren, weshalb deren Einbindung von entscheidender Bedeutung ist.
- Fokus auf hohe Risiken: Die Rundgänge müssen nicht das gesamte Gelände abdecken; sie können sich auf die derzeit gefährlichsten Arbeiten konzentrieren.
- Demonstration von Führung: Die Teilnahme des Geschäftsführers und des Top-Managements (nach einem genehmigten Zeitplan) zeigt das tatsächliche Engagement der Führungsebene für HSE-Themen.
- Positive Verstärkung: Während der Rundgänge werden nicht nur Verstöße, sondern auch gute Praktiken („grüne Karten“) festgehalten, was sich positiv auf das Arbeitsklima auswirkt.
Initiative 3: Prüfkarten für kritische Arbeiten
Die Unfallanalyse im Unternehmen ergab fünf Bereiche mit maximalem Risiko: Arbeiten in der Höhe, Arbeiten an unter Spannung (oder Druck) stehenden Anlagen, Hebevorgänge, Arbeiten in engen Räumen und Heißarbeiten. Für diese wurden spezielle Prüfkarten entwickelt.
- Visualisierung von Risiken: Auf der einen Seite der Karte ist eine typische Situation mit nummerierten Risikozonen abgebildet, auf der anderen Seite stehen konkrete Prüffragen (z. B. „Befinden sich Personen im Fallbereich der Last?“).
- Zugänglichkeit für alle: Das Instrument ermöglicht es auch fachfremden Spezialisten, die Sicherheit spezifischer Arbeiten effektiv zu bewerten.
- Analytik ohne Strafen: Beim Ausfüllen der Karten werden keine Namen von Übertretern erfasst, sondern nur Firmennamen. Dies fördert die Aufdeckung von Problemen und nicht deren Vertuschung.
Was Sie in diesem Webinar lernen werden:
- Wie man Mitarbeiter vor Beginn gefährlicher Arbeiten aus der „Routineblindheit“ herausholt?
- Wie man gemeinsame HSE-Rundgänge mit Auftragnehmern und dem Top-Management organisiert?
- Wie man Prüfkarten zur Kontrolle der fünf gefährlichsten Arbeitsarten einsetzt?
- Wie man die Wirksamkeit der eingeführten Initiativen bewertet und sie in die KPIs der Führungskräfte integriert?