Vom Formalismus zur Achtsamkeit: Warum Risikomanagement eine Transformation erfordert
Die Senkung der Unfallraten in großen Industrieunternehmen ist ohne eine Änderung der Einstellung zur Sicherheit auf allen Ebenen – vom Top-Management bis zum Linienpersonal – unmöglich. Im Vortrag von Konstantin Rubin, Vizepräsident für HSE bei Evraz, wird ein groß angelegtes Projekt zur Transformation des Risikomanagementsystems detailliert betrachtet. Der Sprecher zeigt am Beispiel seines Unternehmens, wie der Übergang von der formalen Einhaltung von Regeln zu einem bewussten Risikomanagement zu Rekordwerten führte: einer Reduzierung der Unfallhäufigkeitsrate mit Arbeitsausfall (LTIFR) um das Anderthalbfache und dem Erreichen von 269 Tagen ohne tödliche Unfälle in einem Betrieb mit über 70.000 Mitarbeitern.
Einbindung der Mitarbeiter durch digitale Tools
Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren war die aktive Einbindung der Arbeiter in den Prozess der Gefahrenerkennung. Der Sprecher analysiert die Einführung einer mobilen App zur Risikoerfassung – ein Tool, das es jedem Mitarbeiter ermöglicht, gefährliche Bedingungen oder Handlungen schnell zu melden.
- Einfachheit und Zugänglichkeit: Der Mitarbeiter kann ein Risiko mit dem Smartphone fotografieren oder beschreiben und erhält innerhalb von 24 Stunden eine Rückmeldung über die ergriffenen Maßnahmen. Dies beseitigt bürokratische Hürden und stärkt das Vertrauen in das System.
- Gamification des Prozesses: Der Einsatz von Spielmechaniken wie „Risikojagd-Saisons“ macht den Prozess spannend und stimuliert die Nutzeraktivität. In 5 Monaten verzeichnete die App 5.000 aktive Nutzer und etwa 2.000 registrierte Risiken.
- Überwindung administrativer Hürden: Die Erlaubnis zur Nutzung von Smartphones für die Fotodokumentation in der Produktion erforderte die persönliche Beteiligung des Unternehmenspräsidenten, was die Bedeutung der Unterstützung von Initiativen auf höchster Ebene unterstreicht. Der Nutzen der massenhaften Risikoerkennung überwog die Bedenken des Sicherheitsdienstes.
Transformation der Rolle von Produktionsleitern
Das Projekt deckte ein wichtiges Problem auf: Produktionsleiter steuern technologische Prozesse hervorragend, nehmen Sicherheitsanforderungen jedoch oft als eine Reihe komplexer und realitätsferner Regeln wahr. Der Vortrag geht detailliert auf den Ansatz zur Vereinfachung und Visualisierung dieser Prozesse ein.
- Verständliche Algorithmen: Komplexe Anweisungen wurden durch einfache Flussdiagramme und Schritt-für-Schritt-Karten für Arbeitsabläufe ersetzt, die die Hauptfrage beantworten: „Was kann schiefgehen?“. Dies hilft den Mitarbeitern, Risiken vor Arbeitsbeginn bewusst einzuschätzen.
- Dynamische Risikobewertung: Die Einführung der Praxis, Risiken vor Beginn der Aufgaben gemeinsam mit dem Team zu besprechen, ersetzt formale Unterweisungen und erhöht das Engagement.
- Reduzierung der bürokratischen Belastung: Der Verzicht auf ineffiziente Papierverfahren setzt Zeit für Führungskräfte frei, um echte Arbeit „im Feld“ zu leisten – Rundgänge durchzuführen, mit dem Personal zu kommunizieren und sich an der Risikobewertung zu beteiligen.
Infrastruktur zur Unterstützung von Veränderungen
Für die erfolgreiche Umsetzung und Aufrechterhaltung der Ergebnisse war die Schaffung einer speziellen Infrastruktur und die Bereitstellung von Ressourcen erforderlich.
- Institut der Risikomanager: Es wurde ein Team von freigestellten Spezialisten (internen Trainern) gebildet, die dem Produktionspersonal helfen, neue Tools zu beherrschen, Feedback geben und die Qualität ihrer Anwendung überwachen.
- Integration in KPIs: Projektziele, einschließlich proaktiver Indikatoren (z. B. Anzahl der erkannten Risiken), wurden in die Leistungskarten der Führungskräfte bis hin zum Vorstand aufgenommen.
Was Sie in diesem Webinar lernen werden:
- Wie überzeugt man das Top-Management, in die Transformation des Risikomanagementsystems zu investieren?
- Wie überwindet man den Widerstand des Sicherheitsdienstes bei der Einführung mobiler Apps zur Fotodokumentation von Verstößen?
- Welche veralteten Kontrollverfahren können ohne Beeinträchtigung der Sicherheit abgeschafft werden?
- Wie führt man Produktionsleiter von der formalen Kontrolle zum echten Risikomanagement?
- Welche Rolle spielen dedizierte Risikomanager bei der Einführung neuer Sicherheitstools?